Dienstag, 27. November 2012

SKANDAL BEIM BIERBICHLER



                               Skandal beim Bierbichler in Ambach
                                                                                     von Edda Sörensen

(Diese Geschichte ist frei erfunden. Alle Namen, handelnden Personen und Begebenheiten entspringen der Fantasie der Autorin.)


Die Apothekerin von Percha hatte ein gewisses Renomee rund um den Starnberger See. Man munkelte, in so mancher der prächtigen Villen an seinen Ufern habe sie bereits mit der Wünschelrute im Anschlag Wundertaten vollbracht. Sie mische bei Mondenschein spezielle Cremes, pendelte Medikamente aus und empfahl ihrer illustren Klientel einen Wunderheiler nach dem anderen. Es muss ein ganzes Nest davon geben in Oberbayern, seit die Esotherik aus geheimen Ecken ins Licht der Öffentlichkeit drang, ja zur Mode wurde. Auch Hellseher, Medien, die Nachrichten aus dem Reich der Toten übermitteln und Geistheiler gehörten in ihr Angebot.
All das unter dem Deckmantel der „Heiligkeit“. Sie pilgert, stramm katholisch, jedes Jahr nach Lourdes zum heiligen Kontakt mit der Mutter Gottes höchst persönlich.
 Wie das Schicksal nun so spielt, wurde ihr einziges Kind, eine Tochter, drogensüchtig. Hätte es zu diesem Zeitpunkt die verbotenen neuen Drogen nicht gegeben, wäre das Fräulein Tochter wahrscheinlich klassisch traditionell bis zur Hals­krause im heimischen Bierfass versunken und hätte damit kein größeres Aufsehen erregt.
Doch die Tochter der Apothekerin griff zur Nadel. 
Nach gewaltigen Kämpfen, bei dem sie gar per Anwalt das Starnberger Gymnasium für die Sucht der Tochter verantwortlich zu machen versuchte, war sie gerade an dem Punkt, wo das Mädel wieder einigermaßen funktionierte, parierte und in München studierte. Dabei musste sie vorsorge halber immer einen Pfefferspray mit sich tragen, denn das Sündenpfuhl München war ja bekannter weise ein höchst gefährliches Pflaster.
So viel wusste ich, und das wohlbemerkt, vom hören und sagen aus meiner Familie, denn sie war mit dem Bruder des Mannes meiner Schwester verheiratet gewesen, der im letzten Jahr gestorben war. Ich stellte sie mir als fast ätherische Frau vor und war schon recht gespannt auf sie, denn unsere Nichte, für die Tischordnung der Geburtstagsfeier verantwortlich, hatte sie neben mich platziert. Sicher in der Annahme, wir beiden könnten uns gut unterhalten, da ich ja in der Astrologie bewandert war.
Lange blieb ihr Platz leer und wir hatten bereits die Vorspeise, herrlich frisch geräucherten Saibling auf Feldsalat hinter uns, als sie dann mit großer Verspätung erschien.
So um die fünfzig, die kurzen blonden Haare in typisch deutsche Hausfrauen-Frisur gelegt, sichtlich gestresst, den wuchtigen, untersetzten Körper in ein viel zu enges schwarzes Kostüm gezwängt mit dicker Goldkette um den Hals und der Tochter im Schlepptau. In welcher Gerüchteküche sie ihre Informationen über mich auf geschnappt hatte, dreimal darf man raten, genug Gesprächsstoff hatte ich mit meinem freestyle-Leben wirklich geliefert, so viel, dass ich eigentlich Tantiemen dafür verlangen sollte. Jedenfalls war sie bis zur Halskrause voller Vorurteile gegen mich, das sah ich sofort, als sie sich schwer atmend setzte und mich mit einem schnellen, ausgesprochen unfreundlichen Blick streifte, während man ihr eilig die Vorspeise servierte.
Sie stocherte erst mal mit der Gabel misstrauisch in dem Teller herum, dann schob sie ihn brüsk weit von sich und sagte laut:
„So etwas esse ich nicht!“
Lieber griff sie zum Weinglas und schüttete es fast ex runter.
Wie es nun dazu kam, dass als Gesprächsthema nach ein paar belanglosen Sätzen gleich die Drogen angeschnitten wurden, wusste im Nachhinein niemand mehr so genau. Jedenfalls wetterte die Drogistin auf der Stelle, so als habe man auf einen Knopf gedrückt, drauf los, was das Zeug hielt: Tod und Teufel und Abschaum der Menschheit. Ich konnte es mir nicht verbeißen:
"Sind Sie sich bewusst, dass Sie auch gerade dabei sind eine Droge zu konsumieren?"
und deutete auf ihr inzwischen frisch gefülltes 2. Weinglas.
"Alkohol?"
Nun plusterte sich die Apothekerin richtig auf. Die Knöpfe an ihrer Kostümjacke waren sicher mit Zwirn doppelt und dreifach verankert, sonst hätte es sie jetzt glatt weg gesprengt, während sie tief einatmete. Sie musterte mich mit abfäl­ligem Blick:
"Alkohol ist keine Droge! Sie reden ja völligen Unsinn! Ich kenn' mich da aus!"
Zu ihrer rechten sass ein Verwandter, schon weit in den Siebzigern jedoch ziemlich wach im Oberstübchen und der ergriff nun das Wort:
"Ja aber was ist denn dann mit den Millionen von Alkohol-Süchtigen, die wir haben?"
Und ich gab auch gleich noch meinen Senf dazu:
"Der Entzug von Alkohol ist zumindest genauso schlimm wie der von Heroin. Man berichtet sogar, dass dabei epileptische Anfälle an der Tagesordnung seien."
Darauf sprang sie auf, die Empörung höchstpersönlich und verliess fluchtartig den Raum, gefolgt von ihrer Tochter und einem älteren Ehepaar. Die Tür schloss sich wieder. Da es sich ja um das Geburtstagsfest meines Schwagers handelte, überspielten wir höflich den Abgang der Apothekerin.
Nun teilt sich das Geschehen und die Art der Erzählung ändert sich, weil ich bei folgenden Szenen anfangs nicht mit dabei war, sondern mir derweilen die köstliche knusprige Ente mit Knödel und Blaukraut schmecken liess. So kann ich es mir nur aus den diversen Zeugenberichten zusammenbasteln.

Eingang des Gasthauses: „Zum Bierbichler“ - Achternbuschs frühere Stammkneipe am Starnberger See. Der hätte gewiss seine helle Freude an den ungewöhnlichen, filmreifen Szenen gehabt, die nun folgen – wenn er dagewesen wäre.
Dunkle Holztische und Stühle vor einer grossen Eckbank am Fenster, die bis zu einem mächtigen, dunkelgrüner Kachelofen in der Mitte des Raumes und um den herum verläuft, so dass sich gut 7 Menschen im Winter dort den Rücken wärmen können. In der Fensterecke hängt das obligatorische bayrische Wirtshaus-Kruzifix.
Ein einzelner Einheimischer mit Filzhut hat das zweite Weissbier vor sich stehen und grübelt vor sich hin. Da öffnet sich die Tür zum Gastzimmer und heraus stürzt fuchsteufelswild – Sie wissen schon wer, gefolgt von ein paar Leuten, die beruhigend auf sie einreden.
"Die ist ja völlig verrückt, mit der kann man ja nicht reden", empörte sich die Apothekerin "die sagt, man soll die Heroindealer frei herumlaufen lassen. "
"Was? " erschreckten sich die anderen im Chor
“ Das darf doch nicht wahr sein!“
"Mir reichts ! Jetzt geh' ich!"
Sie machte Anstalten, ihren Mantel anzuziehen. Die anderen nahmen ihr den Mantel wieder weg und redeten beruhigend auf sie ein. Doch sie griff wieder zum Mantel und rief aus:
"Nein, hier bleibe ich nicht."
"Doch, du musst bleiben." So ging das einige Male hin und her. Der Einheimische mit Filzhut beobachtete amüsiert das Spektakel. Mantel an, Mantel aus, Mantel an, Mantel aus. 

Schließlich gelang es der Tochter die Mutter zu besänftigen und sie setzten sich alle an den Holztisch beim Kamin.
Nun kam meine Nichte aus dem Gastzimmer und setzte sich zu ihnen. Auf der Stelle verfiel die Apothekerin in lautes Jammern:
"Sie ist ein Dämon, ich kenn mich da aus. Es ist schrecklich. Ich halt das nicht aus."
Wieder sprang sie auf und machte Anstalten zu gehen. Wieder redeten die anderen beruhigend auf sie ein und man setzte sich wieder.
"Es tut mir ganz schrecklich leid, weil ich es war, die die Tischordnung gemacht hab“, sagte die Nichte, „ ich dachte ihr könntet euch gut unterhalten. Es ist mir ja ganz schrecklich peinlich."
Die Apothekerin beruhigte nun ihre Nichte:
"Nein, nein, da kannst doch du nichts dafür.“
Und jammerte zum Stein erweichen weiter:
„ Weisst du, egal wo er ist, ich spüre den Dämon im Raum. All die armen verlorenen Seelen um ihn herum, die greifen hilfeflehend nach mir. Ich halt das einfach nicht aus.'
Jemand brachte etwas zum trinken und die Nichte ergriff die Gelegenheit, um wieder im Gastzimmer zu verschwinden. Die anderen redeten weiter auf die Apothekerin ein:
"Wir steh'n zu Dir. Wir lassen Dich doch nicht alleine. Hab keine Angst. Du hast ja so recht , das wissen wir doch."

Derweilen wurde im Gastraum weiter.gefeiert. Es wurden Ansprachen gehalten, eine Dame im weinroten Pullover trug ein sehr witziges  Mundartgedicht vor und alles war eigentlich eitel Wonne um den Jubilar, der seinen 70. Geburtstag feierte.
Nach der knusprigen Ente mit Kartoffelknödeln und Blaukraut stand ich dann auf und verliess mit einigen anderen den Gastraum um draussen eine Zigarette zu rauchen. Damals gab es noch kein offizielles Rauchverbot, jedoch das Geburtstagskind  hatte schon immer eine regelrechte Phobie gegen Raucher, ich vermute, dass das damit zusammenhing, weil vor langen Jahren der Vater sein Geld in Zigarettenrauch aufgehen ließ anstatt ihm damit das heiß ersehnte Fahrrad zu kaufen. Jedenfalls herrschte ihm zuliebe im Gastraum an diesem Abend striktes Rauchverbot.

Draußen saß die Apothekerin bei den Rauchern und nicht ahnend, dass diese gerade dabei war mir ein dämonisches Image zu verpassen, ging ich spontan auf sie zu:
"Komm, lassen wir es gut sein. Es ist schliesslich ein Geburtstagsfest."
Doch darauf gab es als Antwort nur einen verschlagenen Blick.
Da ist Hopfen und Malz verloren, dachte ich mir, setzte mich neben meinen Freund an den Nebentisch, zündete mir eine Zigarette an und versuchte ihm zu erklären, was geschehen sei. Doch der ließ mich gar nicht zu Wort kommen, sondern sagte sofort:
"Du gehst mir auf den Keks."
Der war nun wegen etwas ganz anderem stocksauer auf mich. Er hatte nämlich eine Stunde am Starnberger Bahnhof drauf gewartet, dass ich ihn wie abge­macht dort abhole. Dabei hatte er nur eines missverstanden, nämlich, dass der Treffpunkt am Bahnhof von Wolfratshausen war, wo ich wiederum eine S Bahn nach der anderen abwartete und schließlich zum Bierbichler zurück fuhr. Nach einer Stunde hatte er dann die Telefonnummer der Wirtschaft in dem das Fest stattfand herausgefunden und rief dort an. Jemand sagte ihm, dass er sich ein Taxi nehmen solle. Er war felsenfest davon überzeugt, dass ich ihn einfach vergessen hätte.
Als er dann ankam, zeigte man ihm seinen Platz an einem ganz anderen Tisch und so hatten wir bisher noch nicht die Gelegenheit, das Missverständnis aufzuklären. Also nahm er die Gelegenheit beim Schopf, um sich für die Wartestunde zu rächen, und sagte laut:
"Du gehst mir auf den Keks!"
Sprach's, stand auf und setzte sich an den Tisch der Apothekerin. Das fand der Mann mit grauem Filzhut, der inzwischen sein drittes Weißbier vor sich stehen hatte, einfach toll, wahrscheinlich hatte er sich vorher mit seiner Frau gestritten und war ins Wirtshaus geflohen. Er grinste breit übers Gesicht und prostete meinem Freund begeistert zu:
"Diese Weiber!"
Das hatte nun wiederum die Apothekerin mitbekom­men und witterte Oberwasser.
Sie erhob sich und pflanzte sich direkt vor mir auf, stemmte beide Hände in die Hüften, holte tief Luft und rief dann im Brustton der Über­zeugung:
"Schade, dass es den Hitler nicht mehr gibt! Der hätte sie alle vergast, die Süchtigen und Sie auch!."
Da blieb jetzt mir die Luft weg. Entsetzt sprang ich auf und rief fassungslos:
"Um Himmels Willen, das darf doch nicht wahr sein!"
Ich stand nun mitten im Raum und sofort begann sie etwas völlig Wahnwitziges um mich herum zu veranstalten, eine Art Ritual: Während sie mich nicht aus den Augen ließ (ich sie übrigens auch nicht) begann sie mich zu umkreisen und das nicht nur einmal, während sie unablässig mit merkwürdig eindringlich drohendem Tonfall abgehackte, kurze Sätze herauspresste:
"Dazu steh' ich!
Ja, schade, dass es den Hitler nicht mehr gibt!
Der hätte Leute wie Sie vergast!
Ich bin eine Studierte!
Ich weiss wovon ich rede!
Ich verkehre in mächtigen Wissenschafts-Kreisen!
Der Pfarrer von Aufkirchen ist auch meiner Meinung!
Ich sitze in mächtigen Komitees!
Ich werde dafür sorgen, dass Sie in Bayern keinen Fuss mehr auf den Boden bekommen!
Das sag ich Ihnen, das können Sie glauben!
Den Hitler bräuchten wir wieder!
Ich bin eine Studierte!
Keinen Fuss werden Sie hier mehr auf den Boden bekommen!
Ich habe mächtige Freunde!“
Nun waren alle Anwesenden weiss um die Nase, auch das Personal war stehen geblieben und beobachtete mit offenem Mund die feiste Frau, die mich umkreiste. Alles hielt den Atem an und keinem fiel mehr was ein.
Ich stand erst völlig regungslos, fast gelähmt, war aber innerlich hellwach und geistesgegenwärtig. Ich wusste, dass ich mich nun wehren musste. Keine Ahnung woher ich die Nerven dazu hatte, aber ich sagte lauter, klarer Stimme:
"Sie sind eine Scharlatanin, wie sie im Buche steht! Spielen die selbstlose Heilige und wollen Menschen vergasen! Pilgern nach Lourdes und rufen nach Hitler.“
Nun schnappte sie ungläubig nach Luft. Ihr Ritual hatte sichtlich nicht so auf mich gewirkt , wie sie sich das vorgestellt hatte. Nun machte sie Anstalten, sich auf mich zu stürzen, da packten sie einige Leute, zerrten sie auf die Kaminbank und hielten sie dort rechts und links fest.
Sie versuchte sich loszureißen, war schneeweiß, ihr quollen beinahe die glasigen Augen aus dem Kopf : „Ja, vergast hätte er Sie, der Hitler!“ kreischte sie wie von Sinnen. „Dazu steh ich! Da gäbe es Leute wie Sie nicht!“.
Irgendjemand empörte sich dann doch laut:
„Das ist ja ein starkes Stück – sie will den Hitler wieder haben!“
Nun mischte sich die Tochter ein. Eigentlich ein recht hübsches Mädel, hätte sie nicht ein merkwürdig regloses Gesicht. Den Kopf auf die Ellbogen gestützt hatte sie ohne auch nur eine Miene zu verziehen den ganzen Aufstand beobachtet, vielleicht stand sie unter Valium, oder solch ein Spektakel der Mutter gehörte für sie zur Tagesordnung, denn sie gab megacool ihren Kommentar ab :
"Ich weiß gar nicht warum ihr euch so aufregts. Das hat doch schon mein Großvater jeden Tag gesagt, dass wir den Hitler wieder bräuchten."
Dann nahm sie den Mantel der Mutter, zu dritt drängten sie die Apothekerin schließlich Richtung Ausgang und sie hinterließen eine Geburtstagsfeier, in der eine Bombe eingeschlagen hatte...

Harry, sagte später, als wir ihm erzählten, wie sich seine Schwägerin als Hitler-Fan outete, nur ungläubig:
„Echt? Hat sie das gesagt? Wunderte mich sowieso, dass sie gekommen ist, denn sie hasst den Bierbichler. Gleich als sie reinkam sah ich, dass sie lichterloh brannte!“
Er war ja, als Geburtstagskind der seinen 70. feierte, die ganze Zeit im Gastraum und hatte nichts von dem Aufstand der 3. Art mitbekommen.
„Sie machte dann gar Anstalten sich auf mich zu stürzen.“
„ Die hätte nichts davon abgehalten, aber sie hat gewusst, dass Du sie dann ohne Federlesen in den See geschmissen hättest.“

„Diese Frau ist absolut besessen“ sagte Glen dann auf der Heimfahrt, „ sowas hab ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Den blanken Wahnsinn in den Augen umkreiste sie Dich , ich dachte ich bin im Kino, in einem Horrorfilm. Da gibt es sicher viele Leute am Starnberger See, die Angst vor ihr haben. Damit arbeitet sie.“
„Ich wunderte mich nur, dass das Kruzifix in der Ecke angesichts dieser Art von Anhängerin nicht mit lautem Krach heruntergefallen ist.“
Aber dass Kruzifixe keine Wirkung haben, erlebte ich, als noch keine sechs Jahre alt war. Doch das ist eine andere Geschichte.

Kommentare:

ray05 hat gesagt…

Als wär´s vom Kroetz. :) Gruß, Ray

Anonym hat gesagt…

liest sich süffig. familiär und sehr bayrisch. eine gute geschichte. deinen schreibstil mag ich sehr. Iren

Anonym hat gesagt…

aha, jetzt ist der groschen gefallen, der ray05 meinte vom franz xaver kroetz, klar, und wie. super gschicht! Iren

Edda Sörensen hat gesagt…

Ihr Lieben - da hüpft es hoch , das Herz der Schreibenden - und spornt an zu mehr :) Vielen Dank an Euch beide.