Freitag, 30. September 2011

Peter Sloterdijk erzählt das Märchen vom magischen Hundert-Euroschein


Aquarell: Edda Sörensen



Der Tag in einer irischen Kleinstadt neigt sich dem Ende zu. Die Zeiten sind schlecht, jeder hat Schulden, alle leben vom Kredit. An diesem Tag fährt ein betuchter deutscher Tourist durch die Stadt, hält vor einem kleinen Hotel, legt einen Hundert-Euroschein auf den Tresen der Rezeption. Er sagt er möchte sich die Zimmer anschauen um eines vielleicht - vielleicht! - für die Nacht zu mieten. Der Hotelier gibt ihm einige Schlüssel. Kaum ist der Besucher die Treppen hinauf gegangen, nimmt der Hotelier den Hundert-Euroschein, rennt zum nächsten Haus über der Strasse und bezahlt seine Schulden beim Schlachter. Der Schlachter nimmt die hundert Euro und eilt damit auch über die Strasse  und begleicht seine Schulden beim Fischhändler, der  seine zahlreichen Hochzeitzeitsgäste mit Räucherlachs versorgt hatte. Der Fischhändler läuft  zum Hafen, wo er den Fischer bezahlt. Der nimmt die hundert Euro  und bezahlt damit an der Tankstelle seine Treibstoff-Schulden. Der Tankstellenbesitzer rennt in die Kneipe um die Ecke und bezahlt seine Getränkerechnung. Der Kneipenwirt schiebt den Schein einer an der Theke sitzenden Prostituierten zu, die dem Wirt einige Gefälligkeiten auf Kredit gewährt hatte. Die Prostituierte schlendert zum Hotel und bezahlt die ausstehende Zimmerrechnung mit dem Hundert Euro Schein. Der Hotelier legt den Schein wieder zurück auf den Tresen, so dass der wohlhabende Reisende nichts bemerken würde. In diesem Moment kommt der Deutsche die Treppe herunter und meint, dass ihm die Zimmer nicht gefallen, er nimmt den Schein, steckt ihn ein, setzt sich in seinen Sportwagen und verlässt die Stadt. 
Nun ist die Stadt ohne Schulden und man schaut mit grossem Optimismus in die Zukunft.


Aus dem philosophischen Quartett vom 19. Juni 2011
Irrationale Finanzwelt:
Das Gespenst des Kapitals



http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/8/0,1872,1021352,00.html


Mittwoch, 14. September 2011